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Einschlägige Veröffentlichungen finden Sie auf unserer Publikationsseite .

Informationen zu unserem ESysPro-Tagungsbuch „Professionalisierung in der Energieberatung – Ergebnisse einer interdisziplinären Fallstudie“ finden Sie hier .

Eine kurze Übersicht zum Projekt können Sie im Projektflyer. einsehen.

Es wurde ein Set an Methoden entwickelt, um die Energieberatungskompetenz zu diagnostizieren. Aufgrund der Dynamik der Energieberatungsbranche und der Heterogenität der Zielgruppe wurden die Instrumente mit Niveaustufen unterschieden, und es wurde nach den Kompetenzarten Fach-, Sozial- und Humankompetenz differenziert. Die Energieberatungsdienstleistung ist als Interaktionsarbeit mit vielen Zielkonflikten und Unsicherheiten identifiziert worden, für die es verschiedene Gründe gibt:

  • Energieberaterinnen bzw. Energieberater sollten im Sinne einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung der UNESCO (2005) nachhaltig handeln, d. h. zwischen dem „Trilemma“ zwischen ökonomischer Leistungsfähigkeit, ökologischer Verträglichkeit und sozialer Verantwortung abwägen.
  • Auch innerhalb derselben Nachhaltigkeitsdimension gibt es z.T. sich widersprechende Indikatoren: z.B. würde ein ökologisches Heizungskonzept, welches auf niedrigen CO₂-Ausstoß optimiert ist, anders konzipiert sein als eines mit niedrigem Staubausstoß.
  • Energieberatung bedeutet eine Beratungsarbeit, d. h. das Erfassen und Ausbalancieren von Zielen und Interessen aller beteiligten Parteien. Diese dynamische Interaktionsarbeit führt dazu, dass die gewählte Handlungsstrategie und der Ausgang der Interaktion kaum planbar sind.
  • Energieberaterinnen bzw. Energieberater stammen aus unterschiedlichen Gewerken, so dass zur selben Situation verschiedene Zugänge gewählt werden können.

Eine Kompetenzdiagnostik in dieser volatilen Dienstleistungsbranche muss diese Unsicherheiten berücksichtigen. Aus diesen Vorgaben wurde ein Kompetenzmodell für die Energieberatung entwickelt, welches die Reflexion in „unbestimmten“ Situationen fokussiert, strikt bezogen auf das „Trilemma der Nachhaltigkeit“. Sie besteht aus den Dimensionen „Aufgabenkomplexe der Energieberatung“, „Kompetenzarten“ und „Niveaustufen des Reflexionsmodus“ (Tiefel 2004).

Die Erhebung und Validierung der Aufgabenkomplexe fand im Rahmen von Arbeitspaket 6 statt, wobei analysiert wurde, dass Energieberaterinnen und Energieberater viel öfter mit widersprüchlichen Anforderungen und Zielkonflikten konfrontiert sind als in ihren Ausgangsberufen, insbesondere im Hinblick auf das „Trilemma der Nachhaltigkeit“. Daher ist es in der Energieberatung wichtig, reflektiert mit Widersprüchen umzugehen.

Die Professionstheorie nach Schütze (1996) sagt aus, dass Bearbeiten und Reflexion von Situationen, die paradoxe und unvereinbare Anforderungen stellen, professionelles Handeln erfordern. Daher enthält das Kompetenzmodell den Reflexionsmodus in unterschiedlichen Niveaustufen, strikt bezogen auf die Umsetzung der Grundsätze der Bildung für Nachhaltige Entwicklung. Es wird erhoben und bewertet, ob eine Energieberaterin bzw. ein Energieberater die Zielkonflikte in einschlägigen Beratungssituationen stabilisierend (d. h. durch Komplexitätsreduktion) oder innovativ (d. h. durch Perspektivenerweiterung) reflektiert. Auf diese Weise können Rückschlüsse auf die Professionalität gezogen werden.

Kompetenzmodell

Abbildung: Kompetenzmodell in der Energieberatung (Djaloeis et al. 2011)

Zentrale Idee der Diagnose ist es, nicht einzelne Wissensbestandteile abzufragen, sondern stattdessen einen holistischen Ansatz zu verfolgen. Um aus diesem theoretischen Modell ein konkretes Assessment für Energieberatungsdienstleistungen zu entwerfen, wurden einschlägige Beratungssituationen entwickelt, in der diese Unsicherheiten i. S. einer kompetenten, nachhaltigen und reflektiert-professionellen Lösung von Energieberaterinnen bzw. Energieberatern bearbeitet werden. Sie sollen ein „Trilemma“ zwischen ökonomischen, ökologischen und sozialen Anforderungen abwägen, die sogenannten „Trilemma-Aufgaben der Nachhaltigkeit“. Hierbei werden realitätsnahe Energieberatungssituationen mit Fokus auf o.g. Zielkonflikten verstanden, die insbesondere aus dem Trilemma von ökonomischen, ökologischen und sozialen Anforderungen entstehen. Zu diesen Trilemma-Aufgaben erstellten Experten der Energieberatung „Referenzlösungen“ zur Bewertung, speziell bzgl. der Umsetzung und Reflexion von ökonomischen, ökologischen und sozialen Anforderungen.

Für diese Trilemma-Aufgaben erstellen die Probanden hierfür jeweils Lösungsansätze und äußern sich in einem semistrukturierten Reflexionsinterview zu ihrem jeweiligen Gedankengang. Auf Grundlage der jeweiligen Referenzlösung wird bewertet, inwiefern Anforderungen zur Technik und zur Reflexivität bzgl. den Widersprüchen der Aufgabenstellung (insb. bzgl. dem „Trilemma der Nachhaltigkeit“) umgesetzt worden sind. Aus diesem Ergebnis können Kompetenz mit dem Schwerpunkt der Reflexivität einer Energieberaterin bzw. eines Energieberaters diagnostiziert werden.

Dieses Vorgehen wurde im Rahmen der ESysPro-Fachtagung 2010 exemplarisch mit einem „typischen“ Energieberater namens „Martin Kranz“ (Ausgangsberuf Bauzeichner) durchgeführt, der eine Trilemma-Aufgabe gemeinsam mit anderen Energieberatern bearbeitete. Es zeigte sich, dass die Fachkompetenz zur Erstellung eines sach- und fachgerechten Lösungsansatzes essentiell ist, und es wurde der Reflexionsmodus bzgl. den Dimensionen der Nachhaltigkeit als wichtiger Bestandteil einer qualitativ hochwertigen Lösung im Projekt ESysPro herausgearbeitet. Diese Resultate wurden in Experteninterviews mit fünf Energieberaterinnen und Energieberatern validiert.

Die Studien mit den „Trilemma-Aufgaben der Nachhaltigkeit“ stellt einen Ansatz zu einer holistischen Diagnose von Energieberatungskompetenz dar und können einen Beitrag zur kontinuierlichen Qualitätssicherung in dieser Domäne leisten. Detaillierte Erläuterungen zu diesem Arbeitspaket sind im Tagungsband „Moderne Beruflichkeit – Untersuchungen in der Energieberatung “ von Frenz et al. (2011) beschrieben.

Ihre Ansprechpartner

Lehrstuhl und Institut für Arbeitswissenschaft (IAW)
der RWTH Aachen University

Raymond Djaloeis
Tel: 0241-80-99481
E-Mail: r.djaloeis@iaw.rwth-aachen.de

Adapton Energiesysteme AG
Markus Leyendecker
Tel: 0241-51579-14
E-Mail: ml@adapton.de

Literatur

  • Djaloeis, R.; Frenz, M.; Heinen, S.; Schlick, C. (2011): Wie kommt ein Bauzeichner in der Energieberatung zurecht? Interpretation eines problemorientierten Gruppeninterviews aus kompetenzdiagnostischer Sicht. In: Frenz, M.; Unger, T.; Schlick, C. (Hrsg.): Moderne Beruflichkeit – Untersuchungen in der Energieberatung, Reihe Berufsbildung, Arbeit und Innovation, Band 36, wbv Bertelsmann, Bielefeld 2011, ISBN 978-3-7639-4912-0, E-book 978-3-7639-4913-7, S. 73-89.
  • Schütze, F. (1996): Organisationszwänge und hoheitsstaatliche Rahmenbedingungen im Sozialwesen: Ihre Auswirkung auf die Paradoxien professionellen Handelns. In: Combe, A./Helsper, W. (Hrsg.): Pädagogische Professionalität, 1. Aufl., Frankfurt a.M., S. 183-275.
  • Tiefel, S. (2004): Beratung und Reflexion – eine qualitative Studie zu professionellem Beratungshandeln in der Moderne, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden 2004
  • UNESCO (2005): Education for Sustainable Development. UNESCO, Paris. Online: http://www.unesco.org/en/esd/ (abgerufen am 22. September 2010)