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Einschlägige Veröffentlichungen finden Sie auf unserer Publikationsseite .

Informationen zu unserem ESysPro-Tagungsbuch „Professionalisierung in der Energieberatung – Ergebnisse einer interdisziplinären Fallstudie“ finden Sie hier .

Eine kurze Übersicht zum Projekt können Sie im Projektflyer. einsehen.

Eine Zielsetzung des Projektes ESysPro war die Konzeptionierung eines Weiterbildungssystems und die Entwicklung von Qualifizierungsmodulen für Energieberater. Dazu wurden bestehende Weiterbildungsangebote vor einem berufsbildungstheoretischen Hintergrund analysiert und nachgefragte Qualifikationen sowie Kompetenzen erhoben und systematisiert. Zentrale Herausforderung war zunächst die Entwicklung beruflicher Handlungsfelder in der Energieberatung. Aufbauend auf den erhobenen und validierten beruflichen Handlungsfeldern der Gebäudeenergieberatung entlang der Leistungskette von Energieberatungsdienstleistungen wurde, dem Leitgedanken einer Bildung für nachhaltige Entwicklung folgend, basierend auf dem Gestaltungsprinzip der Situationsorientierung ein niveaustufendifferenzierter Gestaltungsvorschlag für einen Qualifikationsrahmen der Gebäudeenergieberatung entwickelt. Aufbauend auf diesem Qualifikationsrahmen wurden Fortbildungsmodule entwickelt. In diesen Arbeiten wurde die Energieberatung multiperspektivisch betrachtet: Es wurden Erkenntnisse aus fachwissenschaftlicher, arbeitsorganisatorischer und nicht zuletzt berufswissenschaftlicher und didaktischer Sicht zusammengeführt.

Die Resultate wurden umfangreich national und international auf wissenschaftlichen Tagungen und Workshops veröffentlicht (siehe Publikationsliste ). Der im Rahmen von ESysPro entstandene Qualifikationsrahmen und die entwickelten Qualifizierungsbausteine bieten somit eine geeignete Ausgangslage, um ein einheitliches Weiterbildungssystem in der Energieberatung zu etablieren. Dies ist ein wichtiger Schritt in der Professionalisierung der Energieberatung, welcher es ermöglicht, professionelle, spezialisierte Dienstleistungsangebote anbieten zu können.

In diesem Zusammenhang wurden verschiedene Schritte durchgeführt, um die Anforderungen in der Energieberatung differenziert zu erheben und zu beschreiben sowie aus didaktischer Sicht Empfehlungen für die Gestaltung von Ordnungsmitteln auf didaktischer Makro-, Meso- und Mikroebene zu geben.

Weitergehende Informationen zu diesem Thema finden Sie unten sowie in unseren Veröffentlichungen: Publikationen .

Erhebung, Analyse und Systematisierung der Ausgangslage

Gewerblich-technische Facharbeiterberufe unterliegen einem generellen Wandel. Die Tätigkeiten werden zunehmend mit der Erbringung von Dienstleistungen und einer stärkeren Kundenorientierung angereichert. Die Bedeutung von Charakteristika traditioneller Berufsformen in Erwerbstätigkeiten tritt dabei zunehmend in den Hintergrund. Es ist ein Wandel zu neuen Formen von Beruflichkeit entstanden. So prägen beispielsweise eine geringere Formalisierung, Entgrenzung, Prozessorientierung (Lösen von konkreten Problemen im Arbeitsprozess), Flexibilität, Individualisierung, Selbstorganisation und Autonomie eine moderne Beruflichkeit (vgl. Meyer 2000).

Energieberater handeln in dienstleistungsorientierten Handlungsfeldern, die durch zum Teil stark widersprüchliche Zielanforderungen und, verglichen mit ihren Ausbildungsberufen, durch hohe Reflexionsanforderungen des eigenen Handelns geprägt sind. Aus Sicht einer Dienstleistungsorientierung wird im ursprünglichen Facharbeiterberuf eine Vielzahl notwendiger Kompetenzen nur unzureichend erworben. Das ganzheitliche Denken in Arbeitsprozessen entlang der Produktentstehungskette nimmt an Bedeutung zu. Eine besondere Anforderung in der Dienstleistungsfacharbeit besteht neben domänenspezifischen Fachkompetenzen an den Erwerb weiterer Kompetenzen im Umgang mit Unbestimmtheiten und Zielkonflikten, z. B. in der Interaktion mit anderen Personen. Es ist Interaktionsarbeit zu verrichten (vgl. Böhle 2010). Im Rahmen der Nachhaltigkeitsidee erfordert dies eine durchdachte Abwägung zwischen den Dimensionen „ökonomische Effektivität“, „ökologische Verträglichkeit“ und „soziale/gesellschaftliche Verantwortung“ (De Haan 2010).

In einer ersten Studie wurden systematisch die heutigen beruflichen, curricularen Strukturen der Ausgangsberufe und des Weiterbildungswesens von Energieberatern analysiert. In diesem Zusammenhang wurde ein Instrument der curricularen Berufsbildungsforschung entwickelt (vgl. Heinen/Frenz 2009) und es wurden derzeit existierende Ordnungsmittel (Rahmenlehrpläne, Prüfungsordnungen, etc.) der Energieberatung verschiedener Weiterbildungsangebote sowie von Ausgangsberufen auf mittlerer Qualifikationsebene mit diesem Instrument untersucht. Ein zentraler Untersuchungsgegenstand war dabei das den Ordnungsmitteln zugrunde gelegte Strukturierungsprinzip (vgl. Reetz/Seyd 2006). Das entwickelte Kompetenzmodell wurde in diesem Zusammenhang berücksichtigt.

Auf dem Markt der Energieberatungsdienstleistungen fehlen Standards, eine gesetzlich geschützte Bezeichnung „Energieberater“ und ein systematisches Weiterbildungs- und Qualifizierungsangebot. Der Zusammenhang zwischen bestimmten Ausgangsberufen auf mittlerer Qualifikationsebene und angebotenen Fort- und Weiterbildungsangeboten im Bereich der Energieberatung ist weitgehend unklar. Die Erkenntnisse der Ordnungsmittelanalyse zeigen die Heterogenität des Energieberatermarktes und bekräftigen die Notwendigkeit einer wissenschaftlich fundierten Erhebung der beruflichen Handlungsfelder von Gebäudeenergieberatern als Grundlage einschlägiger Qualifikationsstrukturen. Nur mit dem aussagekräftigen Profil eines Gebäudeenergieberaters lassen sich exakt die Schnittstellen und Unterschiede der handwerklichen Ausgangsberufe mit den Tätigkeiten eines Energieberaters ermitteln und gezielte Qualifizierungsstrukturen schaffen. Eine durchgängige Situationsorientierung, wie sie bei modernen Curricula üblich ist, ist dafür notwendig (vgl. Heinen et al 2010a; 2011a).


Entwicklung der beruflichen Handlungsfelder in der Gebäudeenergieberatung

Didaktische Grundlage zur Beschreibung und Systematisierung der Tätigkeitsbereiche und Arbeitsaufgaben in der Energieberatung ist der Leitgedanke der Nachhaltigkeit (Abb.1, vgl. Heinen et al 2011a).


Abb.1 Nachhaltigkeitsdreieck

Nachhaltigkeitsdreieck

Quelle: Heinen et al., 2011a, S. 31 [8]

Eingesetzt wurden klassische Methoden und Instrumtente der Ordnungsmittel- und Qualifikationsforschung (vgl. Huisinga 2005; Rauner 2005). Auf Grundlage einer Analyse und Systematisierung von Stellenanzeigen und Tätigkeitsbeschreibungen wie auch von Expertenbefragungen, Arbeitsprozessaufnahmen und –analysen sowie einem Aufgabenmodell der Energieberatung werden die beruflichen Handlungsfelder der Energieberatung (siehe Abb.2) entlang der Leistungskette der Energieberatung (Frenz/Marfels 2011) erschlossen und in Expertenworkshops validiert. Die klassischen Tätigkeitsfelder wurden berücksichtigt und zum Teil deutlich erweitert. Ebenso wurden neue Handlungsfelder erschlossen. Erhobene Anforderungen von Kundenseite wurden ebenfalls berücksichtigt.


Abb.1 Berufliche Handlungsfelder in der Energieberatung entlang der Leistungskette

Berufliche Handlungsfelder in der Energieberatung entlang der Leistungskette

Quelle: Heinen et al., 2011a, S. 33

Zur Bewältigung der komplexen Arbeitsaufgaben benötigt ein Energieberater zum einen gut ausgeprägte fachliche Qualifikationen, welche in einem Aufgabenmodell abgebildet werden, zum anderen eine Vielzahl von Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang mit Zielkonflikten. Aufgrund der spezifischen Unbestimmtheiten in der Domäne der Energieberatung – Interaktion mit Kunden, Zielkonflikte im Sinne der Nachhaltigkeit, Zugänge aus unterschiedlichen Disziplinen, etc. – wurde eine Studie zur Erhebung dieser Anforderungen ergänzt (vgl. Heinen et al. 2011a). Zudem werden u. a. durch die Berücksichtigung von Interaktionsarbeit zwischen den Akteuren in Dienstleistungsaufgaben die Besonderheiten einer Dienstleistungs- und Kundenorientierung herausgestellt und berücksichtigt.


Durchführung einer Deckungsanalyse

Im Anschluss an diese Arbeiten wurde eine Deckungsanalyse der Ausgangsberufe mit den Handlungsfeldern der Energieberatung durchgeführt. Als zentrales Unterscheidungskriterium für die Ausgangsberufe haben sich in unseren Studien generell die Aspekte Gebäudehülle und Technische Gebäudeausstattung herausgestellt. Unterschiede im Umgang mit der Gebäudehülle hinsichtlich der Gebäudeart sind dabei eher nachgelagert. Bei der TGA stellt sich das Gesamtbild hinsichtlich des Detaillierungsgrades für die einzelnen Ausgangsberufe jedoch deutlich differenzierter dar, hier ist noch einmal verstärkt zwischen den einzelnen Berufen innerhalb der Gruppe zu differenzieren (vgl. Heinen et al. 2011a).


Entwicklung eines Qualifikationsrahmens für die Gebäudeenergieberatung

Auf Grundlage dieser vorgestellten Studien wurde ein Qualifikationsrahmen für die Gebäudeenergieberatung entwickelt. Das Weiterbildungssytem für die Gebäudeenergieberatung bezieht sich auf die Handlungsfelder von Energieberatern und wurde in einer Prozesslogik entwickelt (Abb.3).


Abb.3 Gestaltungsvorschlag für einen Qualifikationsrahmen der Gebäudeenergieberatung

Qualifikationsrahmen der Gebäudeenergieberatung

Quelle: Heinen, 2011a, S. 45

Ausgehend von einer Differenzierung der heterogenen Ausgangsqualifikationen in Gruppen sollten zunächst allgemeine, aufgabenorientierte Qualifizierungsmodule (Modul 1 u. 2) absolviert werden. Im Anschluss daran folgen spezifische, aufgabenorientierte Qualifizierungsmodule (Modul 3 u. 4). Die Erkenntnisse der durchgeführten Studien werden ebenso in Möglichkeiten der Vernetzung der Bereiche Ausgangsqualifikation auf mittlerer Qualifikationsebene, Weiterbildungssystem und tertiäre Bildung für die Energieberatung zusammengeführt. Mögliche Übergänge und Durchlässigkeiten wurden herausgestellt (vgl. Heinen et al 2011a).


Entwicklung von Qualifizierungsmodulen für Energieberater zum Aufbau von Energieberatungskompetenzen

Für die Entwicklung von Qualifizierungsmodulen aufbauend auf dem entwickelten Qualifikationsrahmen folgt aus den Ergebnissen der Erhebung der Handlungsfelder, dass eine besondere didaktische Herausforderung darin besteht, gezielt situiert anhand typischer, beruflicher Arbeitsaufgaben neben der Fachkompetenz auch eine große Bandbreite sozialer und personaler Kompetenzen zu fördern. Zur Verknüpfung der notwendigen Kompetenzentwicklung mit den skizzierten Herausforderungen bieten der Konstruktivismus und konstruktivistische Lehrmethoden eine gute didaktische Grundlage (vgl. Dubs 1995). Zur Kompetenzförderung wurden entsprechende Aufgaben entwickelt und in Workshops erprobt (vgl. Frenz et al. 2010). In den entwickelten Modulen werden die Teilnehmer in konkreten Beratungssituationen mit typischen Aufgaben eines Energieberaters konfrontiert und sollen eine technisch korrekte und zugleich nachhaltig ausbalancierte Lösung für einen fiktiven Kunden entwickeln (vgl. Heinen et al 2011b; 2011c). Somit können die zur Ausübung der Tätigkeit als Energieberater notwendigen Kompetenzen entsprechend gefördert werden (Abb.4).


Abb.4 Beispiel für ein durchgeführtes Fortbildungsmodul in der Vor-Ort-Beratung

Fortbildungsmodul in der Vor-Ort-Beratung



Ihr Ansprechpartner

Lehrstuhl und Institut für Arbeitswissenschaft (IAW)
der RWTH Aachen University

Simon Heinen
Tel: 0241-80-99487
E-Mail: s.heinen@iaw.rwth-aachen.de


Quellen
[1] Böhle, F. (2006): Typologie und strukturelle Probleme von Interaktionsarbeit, in: Böhle F./Glaser, J. (Hrsg.): Arbeit in der Interaktion – Interaktion als Arbeit, Wiesbaden, S. 325-347.
[2] De Haan, G. (2010): The development of ESD-related competencies in supportive institutional frameworks, in: International Review of Education, Vol. 56, Numbers 2-3, S. 199-206.
[3] Dubs, R. (1995): Konstruktivismus: Einige Überlegungen aus der Sicht der Unterrichtsgestaltung, in: Zeitschrift für Pädagogik, 41 (1995) 6, S. 889-903.
[4] Frenz, M./Djaloeis, R./Heinen, S./Schlick, C. (2010): Development of Energy Consulting Competence by Solving Dilemma Situations with Structure Formation Techniques, in: Proceedings of the 1st UPI International Conference on Technical and Vocational Education and Training, Vol. I No. 1 2010 “Competence Development for the World of Work and for Sustainable Development”, Bandung, Indonesia, S. 216-225.
[5] Frenz, M./Marfels, K. (2011): Professionalisierung der Dienstleistung in der Energieberatung – Strategien auf individueller und organisatorischer Ebene, in: Gatermann, I./Fleck, M. (Hrsg.):Mit Dienstleistungen die Zukunft gestalten, Frankfurt/New York, S. 131-139.
[6] Heinen, S./Frenz, M.(2009): Beruflichkeit in der Energieberatung – Eine Analyse der curricularen Strukturen, in Fenzl, C./Spöttl, G./Howe, F./Becker, M. (Hrsg.): Berufsarbeit von morgen, Bielefeld 2009, S. 370-375.
[7] Heinen, S./Frenz, M./Djaloeis, R./Schlick, C. (2010a): Gestaltung von Übergängen zwischen mittlerer Qualifikationsebene und Hochschule – Überlegungen zur Entwicklung eines Weiterbildungssystems in der Gebäudeenergieberatung, in: bwp@ Berufs- und Wirtschaftspädagogik – online, Ausgabe 19, URL: http://www.bwpat.de/ausgabe19/heinen_etal_bwpat19.pdf [Stand 20.09.2011].
[8] Heinen, S./Frenz, M./Djaloeis, R./Schlick, C. (2011a): Analytische und konzeptionelle Überlegungen für Fort- und Weiterbildungen in der Gebäudeenergieberatung – Reflexion ausgewählter Studien der Qualifikationsforschung auf Basis berufsbiografischer Studien des Energieberaters Martin Kranz, in: Frenz, M./Unger,T./Schlick,C. (Hrsg.): Moderne Beruflichkeit – Untersuchungen in der Energieberatung, Bielefeld, S. 23-48.
[9] Heinen, S./Djaloeis, R./Frenz, M./Schlick, C. (2011b): Curriculum Development, Design and Qualification Concepts in Vocational and Further Education for Energy Consulting Services, in: Gómez Chova, L./Martí Belenguer, D./López Martínez, A. (Hrsg.): Proceedings of the 3rd International Conference on Education and New Learning Technologies (EDULEARN11) Conference, Barcelona, Spanien, S. 4305-4314.
[10] Heinen, S./Djaloeis, R./Frenz, M./Schlick, C. (2011c): Erhebung, Förderung und Messung der Fähigkeiten und Fertigkeiten von Gebäudeenergieberatern bei der Vor-Ort-Beratung für die Qualifikationsforschung, in: Gesellschaft für Arbeitswissenschaft e.V. (Hrsg.): Mensch, Technik, Organisation - Vernetzung im Produktentstehungs- und -herstellungsprozess, 57. Kongress der Gesellschaft für Arbeitswissenschaft vom 23. bis 25. März 2011 in Chemnitz, Dortmund, S. 865-868.
[11] Huisinga, R. (2005): Curriculumforschung, in: Rauner, F. (Hrsg.): Handbuch Berufsbildungsforschung, Bielefeld, S. 350-357.
[12] Meyer, R. (2000): Qualifizierung für moderne Beruflichkeit, Münster.
[13] Rauner, F. (2005): Qualifikations- und Ausbildungsordnungsforschung, in: Rauner, F. (Hrsg.): Handbuch Berufsbildungsforschung, Bielefeld, S. 240-246.
[14] Reetz, L./Seyd, W. (2006): Curriculare Strukturen beruflicher Bildung, in: Arnold, R./Lipsmeyer, A.: Handbuch der Berufsbildung, 2. Überarbeitete und aktualisierte Aufl., Wiesbaden, S. 227-259.